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Der Traum vom Reich



Braunau ist ein hübsches Städtchen am Inn, der Österreich von Bayern trennt. Doch die Touristen interessiert nicht der barocke Stadtplatz. Sie wollen nur eines sehen, und das ist peinlich für das lokale Tourismusbüro.

Was tun? Die Stadtväter fanden eine echt österreichische Lösung. Vor die biedermeierliche Stadtbibliothek stellten sie einen Gedenkstein, der an die Opfer des "Faschismus" {nicht etwa des Nationalsozialismus} erinnert.

So weiss jeder Passant, dass nur dies hier das gesuchte Geburtshaus Adolf Hitlers sein kann, gelegen dicht neben dem Hauptplatz, Wohlhabenheit und Ansehen der elterlichen Familie verratend. Also war er keineswegs der arme Schlucker, als den er sich in "Mein Kampf" darstellte.

Braunaus zwiespältige Haltung zu dem Mann, der die Stadt bekannt machte, spiegelt ganz Österreichs Problem im Umgang mit "unserem Hitler", wie ein neu erschienenes Buch titelt.

Aus dem Titel geht hervor, dass sich das Buch an Österreicher wendet, nicht an die restliche deutschsprachige Welt. Nur so lässt sich der peinliche Beigeschmack des Titels "Unser Hitler" vergessen: das Buch versteht sich als ein Beitrag zur österreichischen Geschichtsbewältigung, eine alte Lücke füllend.

Die Autoren holen weit aus. Ein Kapitel beschreibt Hitlers Jugend bis zu seinem Auftauchen in München und entkräftet alte Mythen von seiner Armut und angeblich jüdischen Abstammung. Genau wird geschildert, wie der gescheiterte Student und "Herumtreiber" in Wien seine "Weltanschauung" einschliesslich seines späteren Antisemitismus aus Heftchen voll arisch-germanischer Phantasterei bezog, die damals in Kiosk und Trafik zu kaufen waren.

Ein weiteres Kapitel erforscht die deutschen Gefühle in der österreichischen Seele vom Entstehen des Habsburger Reichs bis zum Anschluss 1938. Es zeigt sich, dass die von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs geschaffene Republik Österreich zwar überwiegend den Anschluss wollte, sich aber nicht mit Deutschland vereinigen durfte, weil Frankreich und Italien dagegen waren.

Dennoch bildete sich allmählich ein von den Christlichsozialen und Sozialdemokraten getragenes österreichisches Staatsgefühl heraus, dessen Verteidiger gegen die Myriade "großdeutscher" und deutschnationaler Vereine, Strömungen und Parteien einen zunehmend verzweifelten Abwehrkampf führten, der in Kanzler Dollfuss' Ermordung 1934 kulminierte.

Da hatten Hitler und die deutsche NSDAP längst ihre österreichische Schwesterpartei übernommen und mit rabiater Öffentlichkeitsarbeit, Durchsetzungsfähigkeit und Serien von Terroranschlägen ihren Anspruch, auch in Österreich die Macht zu erringen, geltend gemacht.

Am 11. März 1938 erzwingt Göring wohl mit der Drohung des Einmarsches den Rücktritt der Regierung Schuschnigg und die Ernennung des der NSDAP nahestehenden Seyss-Inquart zum Bundeskanzler.

Damit erhielten die einheimischen Nazis die Macht in Österreich ohne jede militärische Aktion und glaubten wohl, dass unter ihrer Regierung sich das Land zwar mit Deutschland zusammenschliessen, aber seine Autonomie behalten würde.

Hitler wollte es anders. Am 12. März überschritt die Wehrmacht die Grenze und rollte durch Österreich, mit Jubel empfangen. Am Abend wurde Hitler in Linz so begeistert gefeiert, wie vielleicht ein John F. Kennedy oder ein Barack Obama heutzutage in Berlin. Volksfestartig wurde der Anschluss bejubelt. Der Traum vom Reich aller sich deutsch Fühlenden schien endlich wahr geworden zu sein.

Kurze Zeit danach zeigte sich, dass Österreich keineswegs die Rolle des kleinen, aber geliebten Bruders zugedacht war. Erst wurde das Land in "Ostmark" umgetauft. Zwei Jahre später wurde auch die "Ostmark" abgeschafft. Oberösterreich wurde "Oberdonau" genannt, und Niederösterreich "Niederdonau". Nun erinnerte nichts mehr an den einstigen Habsburgerstaat, den Hitler so hasste.

Zug um Zug wurden Österreichs wichtigste Machtpositionen mit Deutschen besetzt, während viele österreichische Nazis Karriere im "Altreich" machten. Im Zweiten Weltkrieg zahlte Österreich den gleichen Blutzoll wie das restliche Deutschland, erlitt vergleichbare Schäden und kämpfte bis zum Schluss mit verzweifeltem Mut, aber auch mit Fanatismus.

Die "Mühlviertler Hasenjagd" fand im Februar 1945 statt, als es 150 Insassen des Konzentrationslagers Mauthausen - meist sowjetischen Offizieren - gelungen war, zu fliehen und sich in den Wäldern zu verstecken. Aus Angst vor den angeblich gefährlichen "KZlern" half die lokale Bevölkerung der Wehrmacht und den Naziverbänden, die Flüchtlinge zu fangen.

Dasselbe Mühlviertel Anfang Mai 1945, nicht weit von Mauthausen. Statt der üblichen Alufolienwolle zur Verwirrung des deutschen Radars flattern nun Flugblätter vom Himmel, die in holprigem deutsch besagen, dass Dönitz kapituliert habe und der Krieg zu Ende sei. Wahrheit oder nur eine alliierte Lüge?

Schlagartig hängen jetzt weisse Fahnen, meist Bettlaken, in den Fenstern. Von Gallneukirchen kommend wälzt sich ein Strom von amerikanischen Panzern und Lastwagen durch Hagenberg in Richtung Freistadt, bejubelt als Befreier. Zwei belgische Kriegsgefangene, die in der Landwirtschaft gearbeitet hatten, Désiré und Jan, werden von den Amerikanern zu Dorfkommandeuren ernannt, zur Freude der Bevölkerung, die mit den netten Belgiern seit Jahren fraternisierte.

Die Freude dauerte nur kurz. Die Amerikaner übergaben schrittweise das Mühlviertel bis zur Donau den Sowjets; die Belgier wurden repatriiert. Sowjetische Panzer rückten ein, und bei Wartberg lieferten die Amerikaner nun tausende von deutschen Kriegsgefangenen den Sowjets aus. Wer noch nicht in der erbarmungslosen Junihitze vor Durst und Hunger krepiert oder von den Amerikanern erschossen worden war, marschierte nun weiter in Richtung Sibirien. Die ortsansässigen "Daitschen", die nach 1938 aus dem Altreich zugewandert waren, durften - auf Anordnung des Bürgermeisters des benachbarten Pregarten - die staubige Landstrasse mit dem Reisigbesen kehren.

Rund hunderttausend "Reichsdeutsche" wurden zwangsweise nach Deutschland repatriiert, in wochenlanger Odyssee in Viehwaggons, oft zusammen mit aus dem KZ Mauthausen Befreiten.

Die von der neuen Regierung in Wien kultivierte Legende, Österreich sei ein Kriegsopfer, wurde von den Alliierten gerne akzeptiert und mündete in den Staatsvertrag von 1955, der den Abzug der Sowjets mit der neuen Neutralität kombinierte. Doch nicht alle Österreicher sahen sich als Opfer. So wie es Einzelne gegeben hatte, die im Mühlviertel KZ-Flüchtlinge versteckten, so gab es Andere, die den repatriierten Deutschen halfen, ihr Hab und Gut zu retten.

Man sollte meinen, dass die Entkernung Österreichs durch Hitler und die Leiden eines Krieges, der bestenfalls ein gemeinsamer, doch keinesfalls ein österreichischer war, jeden Gedanken an einen neuerlichen Anschluss nach 1945 undenkbar machte.

Doch gefehlt: die Regierung Leopold Figl in Wien stand 1946 in Kontakt mit der bayerischen Regierung über das Projekt einer Donauföderation, an dem der bayerische Politiker Alois Hundhammer interessiert gewesen sein soll. Dabei sollen die Österreicher als Quasi-Siegermacht Territorialansprüche angemeldet haben, nämlich die Abtretung des "Berchtesgadener Zipfels". Diese Forderung habe zu heftigem Widerstand in München, vor allem seitens des "Ochsensepp" Josef Müller, geführt.

Danach war Ruhe. So hatte Hitler, ganz gegen seinen Willen, dem post-habsburgischen Rest-Österreich endlich zur intern und extern akzeptierten Selbständigkeit verholfen. Bis zum Eintritt aller Beteiligten in die Europäische Union.

Das Buch bietet insgesamt einen willkommenen überblick über eine Entwicklung, die zwar in einer Vielzahl von Studien untersucht, aber selten so konzis und lesbar dargestellt wurde. Die Autoren geben sich große Mühe, kein trauriges Thema auszulassen und alle Aspekte unparteiisch zu beleuchten. Der Ursprung des Judenhasses im notorisch antisemitischen Wien wird ebenso untersucht wie die besondere Rolle der Österreicher auf dem Balkan und in der Vernichtungsmaschinerie.

In der Gliederung ist das Buch gespalten, denn die Berichterstattung über die Zeitläufte und ihre wichtigsten Akteure wird in der zweiten Hälfte zunehmend unterbrochen von oft langatmigen Zeitzeugenberichten, die hier erstmalig vorgelegt werden. Das ist vom wissenschaftlichen Standpunkt her zwar interessant, doch das Buch erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch. Das Quellenregister ist summarisch, und ein Personenregister fehlt. Doch das lässt sich angesichts der Lesbarkeit verschmerzen.

Martin Haidinger, Günther Steinbach: Unser Hitler. Die Österreicher und ihr Landsmann. Ecowin, Salzburg 2009

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—— Heinrich von Loesch